Vom Gebrauch der Wünsche.

Leseprobe aus einem spannenden, romantischen und zugleich gesellschaftskritischen Roman von Lydia Mischkulnig.
Lydia Mischkulnig. Portrait. Fotograf Margit Marnul. Redaktionelle Veröffentlichung nur bei Copyrightnennung kostenfrei. Copyright/Foto: Margit Marnul, Wien

Portrait Lydia Mischkulnig. Fotograf Margit Marnul. 

Leon war von den herrschaftlichen Insignien angezogen und schritt auf sie zu. Er streckte die Hand nach der Krone aus, um sie zu betasten, um zu spüren, ob sie Wirklichkeit war oder nur ein Traum. Natürlich konnte er nicht fühlen, ob das Gold echt war, aber wenigstens, ob aus Metall oder Papier. Der Kellner breitete das Tuch aus, faltete es zu einem Stanitzel und legte es neben das Besteck. Dann zog er Teller aus dem unteren Stockwerk des Servierwagens und stellte das beflorte Porzellan auf den Tisch.

„Halt“, sagte der Kellner scharf und kalt, als wären seine Stimmbänder Rasierklingen, „das Ding greifst du nicht an!“

Leon zuckte sofort zurück. Er ließ die Hand fallen, sie schlug auf dem Oberschenkel auf. Er war peinlich berührt wegen seiner Gier. Seine Hand fühlte sich steif an, fremd, als wäre sie aus einem anderen Holz als er geschnitzt.

Der Kellner öffnete die Verandatür und schob die Flügel auf, hakte sie gegen Windstöße fest, gähnte in die Weite über der Stadt und streckte sich in der Sonne. Er ging zu den Rosenstöcken auf der Terrasse, um sie zu begrüßen wie alte Bekannte. Er benahm sich wie ihr Besitzer, distanzlos.

Leon lauerte auf jede seiner Bewegungen. Der Mann schien länger beschäftigt, denn er zog sich nun Handschuhe über die Finger. Er zupfte an den Rosenstöcken herum, wandte ihm den Rücken zu.

Neben dem großen Saal befand sich nur zwei Stufen höher ein kleinerer Salon. Leon sah sich ungeniert um, da er jetzt allein war. Er wagte sich vor, immer mutiger, weil niemand auftauchte, weder Personal noch Insasse. Hier unter dem venezianischen Luster wollte er spielen, seine Bauklötze türmen und mit einer Kutsche und zwölf Rappen durch die Zimmer galoppieren. Floral gezierte Spiegel byzantinischen Stils holten die mächtigen Bäume herein. Die Pflanzen schaukelten in den Rahmen der Spiegel und ihre indianische Herkunft erzeugte die Fantasie einer dahinterliegenden Prärie. Während sie im Wind wankten, blieb Leon beglückt über ein Steckenpferd stehen, das völlig unerwartet neben dem Kamin lehnte, als hätte jemand seinen Wunsch verstanden und zumindest das Pferd herbeigezaubert. Er würde die Krone mit Krähenfedern schmücken.

Leon drehte auf dem Absatz um und setzte sich die Krone kurzerhand auf, suchte den Spiegel. Stille herrschte rundum und die Krone verströmte einen kalten Hauch. Der goldene Rahmen blitzte. Ein Handlauf für den Blick. Der Spiegel warf das Bildnis des Dauphins zurück. Die Zweige der Rosenstöcke knisterten, als der Kellner die Köpfe zur Seite bog, um die weitest entfernte Blüte samt Stiel abzuzwicken. Er war beschäftigt. Wie gut, dass niemand sehen konnte, wie Leon die Krone wieder anhob und sie bis zum Äquator auf den Kopf presste.

„Hallo, ich bin Irmgard“, sagte da jemand mit sonorer Stimme. Leon fuhr zusammen, ertappt wandte er sich um.

Nichts zu sehen. Nur die Stimme, gedämpft durch die schweren Stoffe, drang heran. Leon bemerkte erst jetzt die Nische. Der Vorhang wurde zurückgeschoben. Wie vom Donner gerührt vergaß er die aufgesetzte Krone, drehte den Kopf und starrte Irmgard an.

Die Frau hatte markante dunkle Augenbrauen, langgezogene, mit Ölkreide betonte Striche. Richtige Torbögen über den klaren Augen mit dem jungen Blick. Eine schlanke Person, schwarz gewandet, und das einzig Knallige an ihr war der rote Mund. Ihre Jugend glänzte, Heiligenschein einer noch nicht Sehnsüchte erfüllenden Nymphe. Ihre weiße Haut erhellte den Zwerg. „Da ist ja die Prinzessin“, rief sie und sagte freundlich zu ihm, „hast du schon alles gefunden?“ Sie erschien Leon erwachsen und reif, doch war sie kaum zwanzig, die wunderschöne Dame mit der sanftmütigen Stimme, die Leon sogleich als Wohltat empfand, obwohl sie ihn „Prinzessin“ genannt hatte.

Dann trat sie ganz hervor, diese Gestalt im eng anliegenden, asymmetrisch geschnittenen Rock. Die dünnen, wohlgeformten Beine mündeten in silbernen Sandalen. Die kleinen Füße waren mit Bändchen gehalten, festgezurrte Wurzelballen ausgerissener Lilien. Diese Frau war zwar jung, aber nicht frei, sie würde erst viel später zur Blüte kommen, wenn sie den richtigen Nährboden gefunden hatte. Und dennoch wirkte sie mit ihren unter der Haut vorschießenden Schlüsselbeinknochen, Gerippe des Todes, wie eine Allegorie auf das ganze Leben. Sie war in Begleitung. Ein Schlurfen folgte ihr auf dem Fuß. Sie stützte einen buckligen Greis. Der Alte war vielleicht ihr Großvater? Etwa achtzig und gezeichnet von Schwäche. Vielleicht auch nur von Lustlosigkeit. Kaum erblickte er das Kind, funkelte er auf und ein Schuss Neugier animierte seinen Leib. Der gekrönte Leon wirkte belebend und vertrieb die Depression. Der Mann erwachte regelrecht und blinzelte verführerisch, mit den faltigen Lidern zwinkernd, als wäre er genauso jung, um neckisch zu wirken wie das Kind. Plötzlich war er geschmeidig und anschmiegsam, wirkte viel zu interessiert an der Welt, als dass man ihn als Greis bezeichnen mochte. Beim Anblick des kleinen Leon fiel das Alter richtiggehend ab von ihm. Er richtete sich auf, der Buckel wurde gerade. Er bewegte sich kraftvoll, elegant wie ein Jaguar. Seine Augen notierten flink, klar, stechend, dass es sich um neue Beute handelte. Seine Stimme war fester Ausdruck eines ungebrochenen Körpers, eines unbeugsamen Willens. Seine Freude schmeichelte Leon, doch da musterte ihn der Alte plötzlich kritisch und brach ungestüm in Hohngelächter aus, als er sagte: „Das soll ein Mädchen sein?“

Leon wusste nicht, wie reagieren, außerdem trug er noch die Krone, doch sah er an sich hinunter, als müsste er sich seiner Physiognomie erst vergewissern. Seine Füße, seine Knie, das Becken, der Rumpf, der Hals, das Haupt, und als er sich bewusst wurde, dass er seit einigen Jahren diesen Körper bewohnte, sich zweifelnd fragte, ob er nun einen Knaben ausmachte oder der Körper ihn, fiel die Krone auf den Boden.

„Er ist ein ganz normales Kind“, sagte die Frau.

Lydia Mischkulnig, geboren 1963 in Klagenfurt, lebt und arbeitet in Wien. Mehrfach ausgezeichnet, u.a. Bertelsmann-Literaturpreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb (1996), Manuskripte-Preis(2002), Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien (2007), Österreichischer Förderpreis für Literatur (2009), Joseph-Roth-Stipendium (2010). Bei Haymon erschienen: „Hollywood im Winter“. Roman (1996), „Macht euch keine Sorgen“. Neun Heimsuchungen (2009), „Schwestern der Angst“. Roman (2010) und zuletzt „Vom Gebrauch der Wünsche“. Roman (2014). Im Herbst 2016 erscheinen ihre neuen Erzählungen unter dem Titel „Die Paradiesmaschine“.

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Veröffentlicht in Kultur & mehr, Powerfrauen

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