Interview mit Elis Veit, der Prinzipalin des Wiener Praterkasperltheaters

Wie könnte es anders sein, ich traf Elis Veit zum 1. Mal nach einer Theateraufführung im Voyer des Theaterspielraums und wusste nach den ersten Minuten des Gedankenaustausches, dass Sie etwas ganz Besonderes zu Ihrem Beruf und wiederum ihre Berufung durch völlige Hingabe zu etwas ganz Besonderem gemacht hat. Lesen Sie selbst. Et voilà!

Waren Sie als Kind einmal im Kasperltheater?

Elis Veit 3541_600x900Nicht nur einmal, ich wurde schon als zu kleines Kind immer in das Urania Puppentheater mitgenommen. Mein Bruder ist so gerne gegangen, der 3 Jahre älter war, denn ich war eigentlich noch nicht wirklich zugelassen. Ich habe die Handlung aber meist nicht kapiert und habe meinen Bruder sehr bewundert, weil er sich auskannte und eifrig gerufen hat.

Wie kam es zur Übernahme des Praterkasperltheaters, was waren die Beweggründe für Sie?

Das Praterkasperltheater war einige Jahre eigentlich nicht bespielt und war auch an einem anderen Standort als heute. Das war damals eine skurrile Situation, da war doch glatt das Cinema Erotica mit einem großen Schild beworben und darunter war dann ein kleines Schild mit „Kaspertheater“ und das war der Eingang!

Dort hat sich dann für das einst von Wolfgang Kindler geführte  Kasperltheater niemand mehr gefunden, der dieses Puppentheater bespielt hätte. Nachdem es eine Zeit lang leer stand, haben sich Kindergärtnerinnen gefunden, die dann Geschichten von einem Tonband abgespielt haben, was beim Publikum nicht ankam und das Theater ist sozusagen dahinvegetiert. Sogar ein Schweizer, der Peter Maier – von dem wir Puppen geerbt haben – versuchte 1 Saison lang jede Woche extra nach Wien zu fahren um dieses Puppentheater zu bespielen, weil es ihm so leid tat, dass sich niemand fand. Der Ruf des Puppentheaters war aber bereits so heruntergekommen, sodass er aufgab.

Eingang PraterkasperlWir hatten bereits im 9.Bezirk zu spielen begonnen, siedelten später in den 8.Bezirk und letztlich waren wir in ehemaligen Kinoräumen im 13.Bezirk aktiv, bereits begehrt und sehr gut besucht. Im Zuge eines Fördergespräches zwischen meinem Partner Thomas Ettl, dem zuständigen Kulturbeamten und mir wurden wir gefragt, ob wir nicht das Praterkasperltheater übernehmen könnten? Wir fanden es auch schade und entschieden uns es zu wagen.

Was habt Ihr gemacht, was andere nicht konnten?

Einerseits waren durch die darüber stehende Aufschrift Cinema Erotica kaum Leute ins Theater zu bewegen und andererseits hat man sich auch hier nichts großartiges erwartet. Kurz entschlossen haben wir eine Bühne vor die Türe gestellt, 2 Figuren gebaut welche die Leute sozusagen mit Schmäh „angepöbelt“ haben. Es waren noch Schaumgummifiguren, etwa so wie in der Muppet Show, die 2 Alten die sich über das vorbeigehende Publikum lustig machten, dieses anstänkerten „wie die Aussehen, wo die jetzt hingehen usw.“

Da haben sich schnell Trauben von Leuten gebildet und es war plötzlich ein totales „Hallo“, diese Leute haben wir dann gleich ins Theater hineinbekommen.

Ein Jahrmarktsituation?

Ja, das ist auch unsere Spielweise. Für alle die sich wundern warum der Kasperl so brutal ist, das Krokodil haut und herumpritschelt, auf die Hexe und den Bösewicht haut – das ist Jahrmarktsspieltechnik. Das ist die alte Tradition wie Kasperl gespielt hat. Das hatte sich im Laufe der Zeit auch schon mal verändert. Wir haben versucht die Zensuren nicht zu übernehmen. Die letzten die es gab, die haben wir versucht zu umgehen. Es gab ja auch eine Zensur im 3.Reich und eine Zensur in den 70er Jahren, die so pädagogisch war. Die haben wir versucht zu umgehen.

Welche Zensur war das konkret?

Der Kasperl ist zum Saubermann mutiert, der gefragt hat, ob ihr euch die Zähne geputzt habt, er war nicht mehr der lustige, aufmüpfige, der eigentlich all das macht was verboten ist. Der Kasperl war ja immer das Ventil des Volkes, jener der genau das ausspricht, was sich die anderen nicht zu sagen trauen und genau das macht, was eben nicht erlaubt ist. Er isst eben 20 Zwetschkenknödel bis er Bauchweh hat und furzt dann und putzt sich eben nachher nicht die Zähne. Der angepasste ist eben genau nicht der Kasperl. Wir haben immer schon versucht diese zensurierte Form nicht zu spielen, die auch langweilig ist, man hat sowieso andere Figuren, die ihn dann maßregeln dürfen.

Pritsche_3495_600x900Worin liegt die Anziehungskraft der Kasperlfigur?

Der Kasperl ist derjenige, der all das tut, was man sonst eben nicht darf und was auch für die Kinder dann enorm lustig ist, die haben ja heute ständig die Verbote. Die Kinder sollen sich so auch identifizieren und gegen die Verbote ankämpfen können.

Spielen Sie auch Erwachsenenvorstellungen?

Ja, wir spielen auch Erwachsenenvorstellungen. Im Erwachsenenprogramm war der Kasperl früher halt wahnsinnig geil und versoffen und all das. Das kann man im Kinderprogramm nur anders zeigen, aber im Erwachsenenprogramm nehmen wir das natürlich auf.

Wurde Ihr Engagement von der Kulturabteilung der Stadt Wien unterstützt?

Dazu habe ich eine sehr schöne Geschichte. Es beginnt natürlich damit, dass kein Geld mehr da ist, die Zeiten haben sich geändert. Die ersten 3 Jahre als wir im Prater begonnen haben, hat der Vermieter des Theaters eine Förderung bekommen. Die Praterbuden sind auch recht teuer gewesen. Unsere Kulturförderung war eben, dass wir somit keine Miete zahlen mussten, wir haben dem Vermieter dann auch noch einen Prozentsatz unseres Kartenverkaufes abgegeben, was angenehmerweise bedeutete, dass wir aber auch kein Risiko hatten. Jetzt ist der Vermieter die Stadt Wien. Es gibt keine Besitzer mehr, sondern lebenslange Pächter. Wir haben natürlich nichts verdient, sind hergekommen und haben das sozusagen als Liebhaberei betrieben und es ist nichts übrig geblieben. Wir haben die Puppen gebaut, die Kulissen, alles neu adaptiert, haben nur hinein gesteckt, die ganze Tontechnik besorgt, die Praterbude renoviert, mit Teppich ausgelegt und neu ausgemalt.

Woraus bestand das Team „wir“?

Das waren Thomas Ettl, der den Kasperl gespielt hat, dabei war auch Markus Siebert, ein Schauspieler, welcher unsere Puppe im ORF den Löwen Cassandro sprach (Thomas Ettl hat diesen bewegt). Cassandro führte im ORF durch das Kinderprogramm und Georg Albert, der wiederum eigentlich ein Musiker war, hat neben Musik auch Puppen geschnitzt. Was man nicht vom Kindertheater kannte war, dass eine Figur wie Cassandro so vorlaut und sarkastisch war, deshalb wollten wir Markus Siebert im Team haben und es war schon klar, dass wir in Richtung Stegreif gehen. Wir haben die ersten Stücke einwenig niedergeschrieben und vorher einmal durchgespielt, aber irgendwann hat sich das aufgehört, wir waren so eingespielt, dass wir schon Stegreif in die Vorstellung gegangen sind. Wir haben dann auch musikalische Veranstaltungen gemacht, wie „Rocky Horror Kasperlshow“ und haben es ziemlich schnell geschafft ein Stammpublikum zu gewinnen.

Wer war das Stammpublikum, Eltern mit Kindern oder Erwachsene?

Mit Kinderprogramm für Familien. Das Praterkasperltheater wurde zu einem Geheimtipp. Wir haben unsere Vorstellungen voll gehabt und schliesslich bis zu 3 Vorstellungen täglich gespielt. So haben wir das durchgezogen und im Grunde alle glücklich gemacht, bis dann unser Vermieter in Pension gegangen ist. Als der Nachfolger dann die Zahlen sah, was unter dem Strich übrig blieb, wollte er kein Kasperltheater mehr in seiner Bude haben. Dann wurden wir obdachlos!

Nun zurück, was war die schöne Geschichte? Der Praterkasperl war obdachlos…

Zuerst dachte ich, kein Problem, wir sind eingespielt, wir haben unser Stammpublikum, wird doch jeder Prater Unternehmer den Namensgeber „Wurschtl“, also den Praterkasperl fördern wollen. Wir haben niemanden gefunden der nicht ein Schweinegeld von uns haben wollte! Die Tochter des Schweizerhaus Besitzers hat sich mehrmals erkundigt wie es uns geht, das könne sie nicht glauben und es täte ihr so leid. Sie hat es dann wirklich geschafft, dass ihre Mutter uns ein Familiengrundstück mit einer extrem baufälligen Ruine drauf – das alte Cafe Calafati, ein Heiligtum in der Familie, welches ihr Vater oder sogar ihr Großvater errichtet hatte – zur Verfügung zu stellen. Sie ließen die Calafati Ruine abreißen und wir hatten einen neuen Platz!

Ein Grundstück, aber kein Theater, woher kam dann Geld?

Ich habe eine Gala mit allen Prominenten und Künstlern die ich kannte im Rathaus veranstalten dürfen. Von Adi Hirschal über Cissy Kraner bis Boris Bukowski und die Stadt Wien hat uns das Rathaus gratis zur Verfügung gestellt.

Wer war der zuständige Bürgermeister?

Helmut Zilk. An ihn habe ich einen netten Brief als Kasperl geschrieben: Lieber Papa Zilk, du bist doch auch so ein Kasperl wie ich und so… er fand das so köstlich und hat uns daraufhin geholfen. Mit diesem Geld habe ich eine Containeranlage gekauft, einen Teil davon hat sogar der Containerhändler selbst gesponsert. Wir haben die Container aneinandergestellt und einen schönen Theaterraum daraus gemacht. Das war großartig, für mich war es das moderne Pendant zur Bretterbude. Ein sehr schönes Theater, das ideal in den Prater passte. Wir haben es innen mit Teppichboden und Vorhängen usw. ausgestattet und es hatte interessanterweise eine so wunderbare Akustik wie ein Tonstudio gehabt, dass sogar Musiker zu uns gekommen sind um ihre Aufnahmen zu machen. Der Praterkasperl war plötzlich wieder eine kleine Kulturenklave.  Da haben wir dann einige Jahre gespielt und waren schon mehr als ein Geheimtipp, wir waren schon Teil des Praters. Der Praterkasperl das kulturelle Eck vom Prater, was die Stadt Wien immer wollte, weg von den Spielcasinos und wieder Kultur hinein in den Prater.

Wie verhielt es sich mit den neuen Medium, dem Fernsehen?

Wir haben ganz gut verdient und uns schon alleine ohne Förderung durchgeschlagen. Wir waren dann die ersten die auf Privatfernsehen aufgesprungen sind. wir wollten nichts wie hin und machten wieder Kasperlaufzeichnungen. Der ORF vertrat die Meinung der Kasperl interessiert eh keinen mehr, die Kinder schauen Zeichentrickserien und verlegten den Kasperl auf ein 6h Morgenprogramm und ins Wochenende. So haben wir aber beim ersten Privatsender, W1 einen Mittwoch Nachmittagstermin bekommen, der unglaublich toll angenommen wurde. Es waren sehr schöne, lustige und lebendige Aufzeichnungen. Unser Kasperl, traditionell um 17h gesendet, war sogar die meistgesehene Sendung. Später hat W1 leider umstrukturiert und damit ist die Eigenproduktion Kasperl auf der Strecke geblieben.

Auch der ORF ist durch die Seherzahlen auf die Qualität unserer Aufzeichnungen aufmerksam geworden und hat einige Male versucht uns zu rekrutieren, allerdings unter der eigenartigen Auflage, dass wir die Pritsche weglassen müssen, das Schlaginstrument vom Kasperl. Das galt für sie als pädagogisch nicht korrekt. Uns hat das eher gewundert, denn wenn wir uns Tom &Jerry ansahen, die schlugen mehr aufeinander ein, als der Kasperl je auf das Krokodil gepritscht hat. Wir haben uns gewehrt pseudopädagogische Zugeständnisse zu machen und haben uns die Pritsche nicht nehmen lassen, weil wir der Meinung sind, der Praterkasperl ist das eben. So sind wir mit dem ORF nicht ins Geschäft gekommen.

Wie kam es zur Übersiedlung in das heutige Theater?

Die Stadt Wien entschied, dass ein Praterneukonzept fällig sei und dass der Prater saniert werden soll. Die schon bekannte Geschichte, unter der Stadträtin Frau Grete Laska hat es eine Ausschreibung zu einem neuen Konzept gegeben, aus dem der französische Themenpark-Spezialist Emmanuel Mongon als Sieger hervorgegangen ist und meiner Meinung nach einen ganz guten Plan auf den Tisch gelegt hatte, der eigentlich an der Zusammenarbeit der Praterunternehmer gescheitert ist. Letztlich wurde das Konzept nur teilweise umgesetzt, das einzige was meines Wissens umgesetzt wurde, es wurde hier eine Toilette gebaut, vis-a-vis von unserem Theater wurde der Wurschtelplatz mit einem schönen Brunnen errichtet und auch Wurschtelplatz benannt und – wir haben ein neues Theater bekommen oder besser zuerst einen Rohbau.

Kulturförderung in Raten?

Jetzt komme ich zu einer weiteren lustigen Geschichte in der Kulturförderung

Zur einzigen Kulturförderung die wir hier genossen haben, wobei ich fairerweise dazu sagen muss, wir haben das Theater gebaut bekommen und den Wurschtelplatz, das ist ja auch eine Ehre für den Kasperl, der hat ja sein Zuhause hier bekommen und das finde ich auch wirklich schön. Das war auch immer meine Idee, dass der Wurschtel auch als Maskottchen für den Prater sozusagen herhält

Also, mehr Wahrzeichen, als das Riesenrad?

Natürlich! Und das wurde dann leider mit einer kleinen Themaverfehlung umgesetzt. Der jetztige Wurschtel, der überall im Prater auftaucht und auch als Maskottchen verwendet wird ist nicht der Ursprung vom Kasperl, sondern stammt vom französischen Sofawurschtel ab, der eigentlich vom Weißclown abstammt. Obwohl ich historische Unterlagen abgeliefert hatte, Das hat mir immer so weh getan, ich hatte keine Chance, da waren so absurde Widerstände. Man hat argumentiert, dass der Kasperl einfach eine zu hässliche Nase hätte und nicht so sympathisch aussieht. Ich erwiderte, dass sei ungefähr so, als würde man in Rom für Romulus und Remus ein Denkmal aufstellen, indem man sagt, Wölfe sind eigentlich nicht so putzig, nehmen wir lieber Pudeln her. Der Pudel ist putzig, am besten so einen weißen kleinen flauschigen. Ungefähr auf der Ebene hat sich das abgespielt.

Welche Wurschteln wurden letztlich aufgestellt:

Die historisch falschen sind verteilt worden. Ich habe auch einen Wurschtelbrunnen, da habe ich dann gekämpft, dass da ein echter Kasperl daneben steht. Ich sage absichtlich dann immer Wurschtel, weil es eben verschiedene Ursprünge gibt.

Wer hat verhindert, dass der echte Wurschtel das Maskottchen wird?

Leider die Prater Unternehmer. Leider, ich muss es sagen, ich habe mich bei diesen Pratersitzungen fusselig geredet, am liebsten hätten sie eine Mickey Mouse gehabt, weil die in Disneyland viel einbringt, nur leider konnten sie die Mickey Mouse nicht nehmen. Es wurde auch ernsthaft überlegt einen Bären zu nehmen. Bitte was hat ein Bär mit dem Prater zu tun? Es heißt Wurschtelprater, Emmanuel Mongon war total meiner Ansicht und hat mich unterstützt mit Mikrofon durch Wien zu ziehen und unser Publikum auch nach den Vorstellungen zu fragen: „Wissen Sie was der Wurschtel in Wien ist?“ Und dann: „Wissen Sie woher der Name Wurschtelprater stammt?“ Diese 2 Fragen habe ich oft getrennt voneinander gestellt. Beim Namen Wurschtelprater haben viele gedacht dass dieser vom „Würstelstand“ stammt. Natürlich Jüngere und Zuwanderer haben das Wort nicht gekannt, die meisten aber Wiener wussten, dass der Wurschtel immer der Praterkasperl war. Mit diesen Umfragen bewaffnet bin ich dann zu den Sitzungen des Praterverbandes gegangen und habe gesagt: Die Wiener wissen es, machen wir uns nicht lächerlich usw. Es war einfach wahnsinnig schwierig thematisch vorzudringen. Auf jeden Fall ist es das geworden was es jetzt ist, eine peinliche Themaverfehlung. Ich habe aber auf unser Dach den echten Praterwurschtel gestell, den Georg und ich aus einem riesigen Styroporblock geschnitzt haben. So steht zumindest 1 echter großer Wurschtel hier im Prater.

Puppen_3517_600x900Zurück zum aktuellen Haus, wie ist es fertig geworden?

Wir standen mit einen Rohbau da, denn plötzlich hat es geheißen, wir hätten eh schon soviel Förderung erhalten, wir müssen es selber einrichten. Ich habe natürlich nichts erspart gehabt, weil wir nicht soviel eingenommen haben, als dass da was übrig geblieben wäre. Wir besorgten uns erst mal Farbe und nachdem wir den Rohbau von der Stadt Wien bekommen haben, bin ich ins Kulturamt zu Robert Dressler gegangen und habe ihn gefragt, ob wir nicht vom Kulturamt noch irgend einen Zuschuss erhalten könnten, sodass wir das Theater irgendwie fertig bekommen. Man stelle sich vor, ich hatte da jetzt einen Theaterrohbau komplett ohne Einrichtung, nichts herinnen, einen Rohbau ohne Fußboden, ohne Technik, keinen Vorhang, gar nichts. Robert Dressler hat dann gesagt, ich weiß eh schon nimmer wie, ich muss schon meine Theater zusperren, die ich seit Jahren fördere, also Kleinbühnen abweisen, die es eigentlich nicht verdient haben, dass sie zusperren müssen. Da hieß es nun für uns „hackeln Tag und Nacht“, Robert Dressler fragte noch wann fangt ihr denn an und ich antwortete eh jetzt gleich am Samstag mit dem Ausmalen. Wir hatten einen Zeitrahmen von nur 2 Wochen bis zum großen Eröffnungstermin mit Presse und allem was dazu gehört um aus einem Rohbau ein Theater zu machen! Am Samstag waren wir also alle mit Freunden da um auszumalen, das ganze Team. Plötzlich steht vor der Türe der Robert Dressler im Malergwandl und sagt: „So, ich komme jetzt Kulturförderung betreiben! Wo gibt’s was zu Malen?“ Und er ist mit uns auf der Leiter gestanden und hat mit ausgemalt. Das war schon eine sehr schöne Geste!

Was ist für Sie das faszinierende am Medium Theater und im Speziellen am Puppentheater?

Für mich war Theater immer ein Teil meines Lebens, ich bin sehr früh ins Theater gegangen und das Eintauchen in andere Welten, in andere Zeiten und in andere Denkweisen hat mich immer fasziniert. Das Puppentheater hat mich deshalb noch mehr interessiert, weil ich erkennen musste wie schwierig es ist im Theater eigene Produktionen und eigene Visionen umzusetzen, weil alles mit wahnsinnig viel Geld verbunden ist. Das ist das Geniale am Puppentheater, dass man großes Theater klein selber produzieren kann. Außerdem haben Puppen noch etwas, das ich eigentlich erst mit der Zeit durch das Puppenspielen bemerkt habe, du hast mit Puppen noch mehr Freiheit als mit Menschen. Die Puppe kann Dinge sagen, die ein Mensch oft schwer sagen kann, also gerade im Kabarett. So hat ja auch der erste Kasperl in Wien angefangen, also der „Ur-wurschtl“ der das Tagesgeschehen durch den Kakao gezogen hat. Wie etwa zu Zeiten des Fürsten Metternich, wenn die Zensur gekommen ist und gefragt hat: Was sagen Sie denn da auf der Bühne? So konnte man sich hinter einer Puppe verstecken. Ich habe zum Beispiel auch Talk-Shows gemacht mit Prominenten, da konnten die Puppen Fragen stellen, bei welchen ein Moderator sich sagt, das mache ich jetzt anständigerweise nicht mehr. Eine Puppe kann so etwas fragen und der Befragte hat die Chance darüber zu lachen und muss nicht antworten. Aber ich habe schon eine Pointe mit einer indiskreten Frage, ich konnte etwas ansprechen, was ich als Moderator nicht mehr machen würde.

Welche Theatervorstellung war für Sie die Aufregendste, interessanteste oder speziellste?

Natürlich waren die ganz besonderen Momente, wenn man hier in das Haus geht, wo ich sage das ist zum 1.Mal aber eigentlich muss ich sagen, war es keine Vorstellung sondern eine Veranstaltung. Das allerspeziellste und mir das Liebste, was ich je gemacht habe war das internationale Kasperlfestival das ich hier abgehalten habe. Ich habe Jahrmarktspuppenspieler aus der ganzen Welt hier auf den Wurschtelplatz eingeladen, die sich hier im Kreis aufgestellt haben und im Stundentakt in jeder Sprache eine Vorstellung gegeben wurde. Immer mit einem so genannten „Kasperl“ der seine Performance hier gegeben hat, egal wie er in dem jeweiligen Land hieß. Das wurde von der Stadt Wien so gefördert,  dass die Gagen bezahlt wurden, das Publikum hatte freien Eintritt. Das war eine „sooo“ schöne Veranstaltung, genau die Atmosphäre die der Prater braucht. Neues Publikum und es sind internationale Theaterspezialisten gekommen um das zu sehen. Aus jedem Land spielte die absolute Elite, die besten Leute und es war so schön zu sehen, dass es die Geschichte des Kasperl überall auf der Welt gibt. Ich würde mir wünschen, dass wir das wieder auf die Beine stellen könnten.

Gehen Sie selbst noch ins Theater und wenn…? 

Ja, natürlich! Ich bin selbst persönlicher Vorstand der Freien Bühne Wieden, das ist ein Uraufführungstheater, das liegt daher schon in meinem Interesse Theaterautoren zu förden, dass diese gehör und aufgeführt werden. Es braucht Theater die Uraufführungen machen, so vieles landet in der Schublade. Das ist an der Freien Bühne Wieden großartig, die Direktorin Frau Michaela Ehrenstein, leistet da wirklich großartige Arbeit. In dieses Theater gehe ich natürlich am häufigsten.

Hinterbühne_3482_600x900Freien Bühne Wieden, wie weit reicht Ihr Engagement? 

Ich bin natürlich einwenig so wie eine persönliche Beraterin der Frau Ehrenstein, wenn ich mal um Rat gefragt werde, wobei schon ihr die künstlerische Leitung obliegt. Ich gebe sehr viel Senf dazu was das Optische anbelangt. Also die ganze Grafik des Theaters, die Werbung und natürlich mische ich unwillkürlich mit. Das ist klar.

Wie planen Sie ihre Stücke und wer schreibt diese?

Inzwischen, meistens bei einem gemütlichen Cafe, sage ich ungefähr 15 Minuten vor Beginn zu meiner PartnerIn: Was spielen wir denn heute? Wir haben ja ein Programmheft, dass 2-3x im Jahr mit den Stücktiteln – mit einem gewissen Grundgedanken, in welche Richtung das Stück gehen wird – vor produziert. Ich richte mich da auch nach Jahreszeit oder Feiertag, was halt ansteht. Zum Beispiel heute steht im Programm „Schneeflöckchen“. Im Jänner dachte ich wird schon Schnee liegen, heute liegt null Schnee, so ist das „Schneeflöckchen“ heute ein kleiner weißer Hund welcher der Prinzessin, die eine blöde Tussy ist gehört. Sie will den Hund bei einer Hundeshow ausstellen und da passiert halt einiges.

Werft Ihr euch manchmal gegenseitig Sketches zu oder wo man selbst lachen muss?

Ja natürlich, manchmal muss ich selbst die Zähne zusammen beißen, dass ich nicht laut lache.

Das Wiener Kasperltheater war für Sie ja kein Neuland.

Was verbindet Sie mit dem Wiener Urania Puppentheater, das bereits 1948 von Hans und Marianne Kraus gegründet wurde und ab 1949 in der Urania und auch im beliebten Wiener Gänsehäufl Bad aufgeführt wurde.

Ein absolutes Nahverhältnis, ich wurde mit 3 Jahren schon mitgeschleppt, war schon begeisterte Zuschauerin war, in einem Alter wo ich eigentlich zu klein war, habe ich Kasperltheater geliebt. Damals gab es keinen Fernsehapparat zu Hause. Für mich war das wirklich meine Kulturunterhaltung, wir sind einmal im Monat ins Kasperltheater gegangen. Als ich später eine Ausbildung als Grafikerin gemacht habe, musste ich mir nebenbei Geld verdienen um die Schule zu finanzieren. Nachdem ich selbst schon Puppen gebaut hatte, bin damals zum alten Herrn Kraus ins Urania Puppentheater gegangen, was sehr aufregend für mich war, es jetzt mit ganz neuen Augen zu sehen und zum 1.Mal in diesen Keller nach unten kam, wo sein Büro, die ganzen Requisiten und die Puppen waren. Er saß da unten in einem so kleinen Kabäuschen, hat ein Glaserl Wein getrunken und vor sich hingeraucht, eigentlich ein schrulliger Typ. Ich wollte ihm meine Puppen zeigen und ihn fragen ob er mir erklären kann,  wie die Mechanik ist und ob man die verbessern kann. Er antwortete etwa so: „ Schau her Pupperl, ich sag dir genau, das ist wie wenn’st a Instrument spielst. Wenn’st eine Geige bauen willst, musst eine Geige spielen können, sonst kannst ja nicht feststellen ob der richtige Ton rauskommt. Also, musst einmal Puppen spielen lernen, dann kannst d’as bauen.“ Ich stimmte dem Vorschlag sofort zu: „Bringen Sie es mir bei!“ Darauf er: „Da müssen wir erst einmal schauen ob sie dafür geeignet sind!“ Ich habe dann mutig angemerkt: „Oja, ich glaube schon das ich das kann, ich habe als Kind schon Theater gespielt, in Aufführungen und so, ich war ja immer schon mit einem Bein im Theater!“ Er: „Na, beim Puppenspielen gibt es schon bestimmte Dinge die man beachten muss, es geht ja nicht nur darum, dass man irgendwie spielen kann, da muss man schlagfertig sein, eine schnelle Reaktionsfähigkeit haben und man muss auf andere Dinge achten.“ Und während er mit mir redete, schleudert er sein Feuerzeug zu mir rüber und ich fange es so mit einer Hand auf. Darauf er: „OK, du bist genommen“ Nachdem ich ihn fragte wieso, sagte er, das war jetzt mein Aufnahmetest! Solche Dinge muss ein Puppenspieler können!

So habe ich bei Hans und Marianne Kraus begonnen und es gab im Engagement noch den Freddy und den Manfred. Ich kam damals als Junghupfer dazu. Der Manfred Müller führt das Urania Puppentheater jetzt noch weiter. So habe ich es, wie man sagt von der Pieke auf gelernt. 1 Jahr hat es gebraucht, bis ich überhaupt eine Puppe richtig spielen durfte, Hans Kraus war wahnsinnig streng. Anfangs durfte ich nur so Mäuse darstellen, der Manfred hat mich dann immer auf die Seite genommen und mir gezeigt wie es besser geht, weil er meinte wenn ich nie spielen darf, wie soll ich es lernen. Ich war eh sehr begabt und hatte das Glück, dass parallel so viele TV Aufzeichnungen gespielt werden mussten wofür er jede Hand gebraucht hat. Diese Aufzeichnungen waren sehr gut bezahlt und es war für mich genial, weil wir am Wochenende unsere Aufzeichnungen hatten und ich unter der Woche meine Schule machen konnte. Das war für mich wie eine 2.Berufsausbildung.

Wie entstehen Ihre Figuren ? Hans Kraus schnitzte ja die Köpfe seiner Hand- und Stabpuppen selbst und Marianne Kraus fertigte die Kostüme

Bei uns ist es ähnlich. Als wir in den Prater gekommen sind begann allerdings ein neuer Abschnitt, wir wollten im Prater unbedingt Holzköpfe, weil die 1. alten Figuren eben aus Holz waren und wir das ganz traditionell machen wollten. Auch die Pritsche haben wir wieder aufgenommen und damit diese Szene wo der Kasperl das Krokodil haut, das so ganz essenziell für den Praterkasperl war.

Dann kam auch noch die Ente dazu…

Ente_3498_600x900Ja, richtig, die Ente welche eine symbolische Bedeutung hat, habe ich allerdings schon vorher entworfen. Das ist eine uralte Geschichte. Der Kasperl hat den uralten Ursprung, den ersten den man kennt, aus den Mitras Mythen. Da wird „Klein Mitras“, ein zipfelmütziger Held in einer Höhle geboren und wird von einer fußlosen Schlange, einem schlangenartigen Drachen, was eigentlich das Krokodil ist, bewacht. Gegen diesen Drachen muss er sich behaupten und dafür hat er diese Pritsche mit dem er den Drachen haut. So kommt er aus dem Felsen ins Leben und erlebt dann seine Heldengeschichten. Derjenige der ihn dazu überredet, dass er sich ins Freie kämpft ist ein Vogel. Dieser Vogel ist symbolisch die Seele, die Klein Mitras im Mutterleib bekommt und dann geboren werden möchte. Dieser Vogel sagt ihm: Komm ich helfe dir, kämpfe dich ins Freie und dann setzt du dich auf meinen Rücken und wir fliegen dann sozusagen ins Leben. Das ist so ein Ursprung eben der Kasperlfigur, daraus sind diese Heldenmythen entstanden, woraus auch Comedia del arte und Kasperltheater entstanden sind, das kann man richtig rückverfolgen. Somit war für mich klar, der beste Freund vom Kasperl ist weder ein Seppl noch ein Petzi, es muss ein Vogel sein. Ein Vogel der ihm sagt, komm kämpf dich ins Freie, kämpfe gegen das Krokodil und wir zwei fliegen in die Welt. Das fand ich immer so schön, darum hat unser Kasperl als besten Freund einen Vogel. Was zusätzlich genial ist, dass man auf Wienerisch wenn einer „spinnt“ sagt „der hat einen Vogel“.

Was sind Deine Pläne und wo siehst Du das Praterkasperltheater heute und in 10 Jahren? Gibt es Visionen?

Meine Vision ist das internationale Festival, also 1x im Jahr das Puppenfestival abhalten zu können und den Prater in Wien als die Wiege nehmen, eben auch international, über die anderen internationalen Puppenspieler das Signal zu setzen: In Wien wird das besonders gepflegt und Wien ist auch der Ursprung. Das würde ich sehr schön finden, das wäre mir wirklich ein großes Anliegen. Dazu müssten wir wirklich Geld bekommen, denn wir sind damals wirklich ausgeblutet. Ich habe das 3x veranstaltet, dann konnte ich nicht mehr. Ich habe überhaupt nichts daran verdient, konnte nur alle Gagen ausbezahlen und wir haben 3 Monate dabei selbst nichts verdient und umsonst gearbeitet.

Eine weitere Vision wäre, in diesem Theater ein regelmäßiges Erwachsenenprogramm auf die Beine stellen zu können. Das gelingt uns teilweise im Rabenhof mit den Maschek’s zusammen, da sind wir ausverkauft. So ein Programm zu machen ist mühsam, denn wenn wir diese Politikerpuppen spielen – im Prater habe ich es auch schon probiert – brauche ich wieder Budget, denn da musst du die Werbetrommel rühren, es muss publik gemacht werden. Es gibt ja ausgezeichnetes Programm an Puppenspielen für Erwachsene.

Warum müsstet ihr soviel investieren?

Anders kann ich dieses Theater seriös nicht anbieten. Christoph Bochdansky, ein großartiger Erwachsenenpuppenspieler, den habe ich eingeladen. Das Problem beginnt schon damit, entweder zahle ich ihm eine Gage, dass er überhaupt auftritt, damit er seine Unkosten gedeckt hat. Oder ich stelle das Theater nur zur Verfügung, was er übrigens sogar gemacht hat, auf sein eigenes Risiko sozusagen, wir machten die Werbung und versuchten die Leute hierher zu bekommen. Aber ohne Werbebudget hat das nicht funktioniert, dabei ist auch er ausgeblutet. Was kann ich hier für eine Erwachsenenvorstellung verlangen? 10-15 Euro, in Wirklichkeit eher 10 Euro. Das Eintrittsgeld finanziert so etwas nicht. Wenn wir gute Leute engagieren wollen, wenn wir international jemanden herholen und Christoph Podansky spielt in dieser Liga, ist die Gage allein 800- 1500 Euro. Um Vorstellungen zu geben, die sich selbst finanzieren können musst du ein großes Theater bekommen. Das war auch ein Thema mit der Stadt Wien, ich habe gekämpft und versucht das zu verhindern, aber da hat man nicht mitgespielt. Jetzt wären zuwenig Fluchtwege und wir haben nur 60 Sitzplätze genehmigt bekommen, weil die Struktur falsch gebaut worden ist. Man kann ein Theater erst ab 300 Zuschauern erfolgreich bespielen.

Würde das mit einem Puppentheater möglich sein?

Ja, natürlich im Rabenhof haben wir es ja so, da sind wir immer ausverkauft. Also, das ist kein Thema.

Kennen sie den Hans Kraus Weg?

Natürlich, der ist genau dort wo unser altes Praterkasperltheater war.

Danke für das Gespräch!

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